Die Entwicklung des DocBook-Standards

Im Vergleich zu den meisten XML-Standards hat DocBook eine lange Geschichte. Sie beginnt Ende der 80er Jahre in der Computerindustrie.

Komplexe technische Systeme werden meist mit einer umfangreichen Dokumentation ausgeliefert. Ein Server mit Unix-Betriebssystem kann durchaus mit mehrere Regalmeter an Administrations-, Benutzer-, Referenz- und Programmierhandbüchern kommen. Neben der traditionellen Papierform kamen neue Vertriebswege für diese Materialien auf, beispielsweise CDs und erste Online-Dienste. Damit wurde das Bundling ein Problem: Bücher verschiedener Hersteller lassen sich problemlos in eine Kiste tun. Damit elektronische Versionen dieser Bücher auf einer CD unterkommen, ist ein gemeinsames Format empfehlenswert. Dazu mussten zuerst inkompatible Toolketten harmonisiert werden.

Vor diesem Hintergrund formierte sich 1991 die Davenport Group, ein Forum für Produzenten technischer Dokumentation, organisiert vom O'Reilly-Verlag. Eine erste Version des DocBook-Standards, basierend auf SGML, wurde 1992 veröffentlicht. 1994 wurde die Davenport Group eine offizielle Vereinigung mit eigener Satzung. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben O'Reilly auch Novell, Fujitsu, HP, DEC, SCO, Hitachi, Sun und Unisys.

Die Arbeit der Davenport Group an DocBook war eine Art „training ground“ ([Dougherty1999]) für die Entwicklung von XML. Fünf ihrer zehn Gründungsmitglieder wirkten in der XML Working Group des W3C mit.

Da die Weiterentwicklung von DocBook durch die Arbeit an XML stark gebremst wurde, übergaben die Mitglieder der Davenport Group die Verantwortung 1998 an die OASIS (Organization for the Advancement of Structured Information Standards, [OASIS]). Dort wurde eine Working Group für DocBook eingerichtet. Seit 2000 existiert eine offizielle XML-Zweigversion des DocBook-Standards. Die nächste große Version des Standards soll auf XML basieren, mit einer SGML-Zweigversion. Die aktuelle Version ist 4.2 ([DocBook4.2]), veröffentlicht im Juli 2002.

DocBook hat sich als ein Quasi-Standard für technische Dokumentation etabliert. Insbesondere in der Open-Source-Welt ist DocBook allgegenwärtig. Alle großen Linux-Distributionen außer Debian — Red Hat, SuSE, Mandrake, Caldera — nutzen DocBook, ebenso das Linux Documentation Project und viele Open-Source-Projekte wie FreeBSD, Darwin, KDE, GNOME, PHP, PostgreSQL. Die 150.000 Seiten Dokumentation auf docs.sun.com werden mit DocBook verwaltet. DocBook ist das bevorzugte Format, in dem Autoren ihre Bücher für den O'Reilly-Verlag schreiben sollen. (Quellen: [York2001], [Walsh2001], [Bosak2002], [DocBookWiki], [Robbins2002], [Dougherty1999])

Bei der Entwicklung von DocBook mussten viele verschiedene Interessen berücksichtigt werden. Jede beteiligte Organisation hat andere Erwartungen an die Features und andere Vorstellungen von der Struktur einer Publikation. Als Ergebnis ist DocBook „descriptive“ und nicht „prescriptive“ geworden. Das heißt, wenn in einem Punkt keine Einigung erzielt werden konnte (Welche Metadaten gehören zu einem Buch? Ist ein Abstract ein Metadatum oder Teil des Dokumentenkörpers? Kann ein Buch auch Manpages enthalten?), dann wurden beide Varianten ermöglicht.

Als Ergebnis kann jede Organisation die Struktur ihrer Publikationen beibehalten und muss sich nicht aufgrund eines rigiden Dokumentformats ihre Prozesse ändern. Die Schattenseite ist, dass DocBook ein verwirrend umfangreicher Standard mit über 300 XML/SGML-Elementen ist, und es an vielen Stellen mehrere Möglichkeiten zum Auszeichnen des gleichen Konzepts gibt. Entsprechend sind die Anforderungen an die Tools sehr hoch.